Über Plattdeutsch up Plattdütsch
Wortgefechte in Regionalsprache überfordern Stenografen im Landtag

GN Nordwest vom 03.05.2011

 

Wenn es turbulent zugeht im Plenum - mit erregten Reden und bissigen Zwischenrufen können die Stenografen im Niedersächsischen Landtag schon mal gehörig ins Schwitzen kommen. Erst recht -wie in der letzten Sitzung - wenn eine ganz andere Sprache angeschlagen wird: Plattdeutsch.

Von Hans Brinkmann
HANNOVER. „Sprachencharta in Niedersachsen endlich umsetzen", lautete der Titel eines Entschließungsantrags, den die SPD-Fraktion eingebracht hatte. Sie wollte damit der Regierung Dampf machen in dem Bemühen, Plattdeutsch und Saterfriesisch als vom Aussterben bedrohte Regional- und Minderheitensprachen stärker zu schützen.
Nur noch knapp vier Prozent der Menschen in Niedersachsen könnten gut oder sehr gut Plattdeutsch reden, so hieß es; das im Saterland bei Cloppenburg verbreitete Saterfriesisch beherrschten sogar nur noch etwa 1000 Bewohner. Da gelte es zu handeln, meinte die SPD - und nicht noch Zeit zu vergeuden, wie das CDU und FDP per Große Anfrage an die Landesregierung mit 250 Einzelfragen zur Situation des Plattdeutschen täten.
So weit, so gut. Doch dann stieg CDU-Generalsekretär Ulf Thiele aus dem ostfriesischen Uplengen plötzlich „up Plattdütsch" in die Debatte ein, und der SPD-Abgeordnete Claus Peter Poppe aus Quakenbrück im Osnabrücker Land tat es ihm ebenso fulminant gleich. Zum Leidwesen der Stenografen. Zehn Experten der Kurzschrift beschäftigt der Landtag direkt zu Plenarsitzungen werden noch jeweils fünf von außerhalb „hinzugebucht". Alle haben mindestens Abitur, manche ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Und einige beherrschen diverse Fremdsprachen - nur Plattdeutsch, damit hapert' s.
Vorschrift ist aber, dass genau protokolliert wird, was im Plenarsaal erörtert wird. Poppe und Thiele konnten zwar mit schriftlichen Entwürfen dienen, die sie den Stenografen auch zukommen ließen. Allerdings: Abweichungen gibt es in den Reden immer, und hinzu kommen ergänzende Fragen und Zwischenrufe. Für das Protokoll

„Ick dür in disse Plenum Plattdütsch proten, und dat dau ick ok"
CDU-Generalsekretär Ulf Thiele
zählt jedoch nur das tatsächlich gesprochene Wort.
Nur gut, dass wenigstens einer der Protokollanten neben sechs Fremdsprachen auch noch des Plattdeutschen mächtig ist. Er nahm sich des kniffligen Falls an und verfasste nach mehrfachen Rücksprachen und Feinschliffen einen Text, mit dem sich die Diskutanten - die im Übrigen auch noch stark unterschiedliche Dialekte sprachen - einverstanden erklären konnten.
Ins vorläufige Protokoll am nächsten Tag schaffte man es natürlich nicht mehr. „Aus organisatorischen Gründen", so hieß es zum betreffenden Tagesordnungspunkt, würden die Redebeiträge erst im endgültigen stenografischen Bericht bereitgestellt.
Dort kann nun jedermann schwarz auf weiß nachlesen, wie es im Landtag zum Thema Plattdeutsch up Plattdütsch zur Sache ging. Zunächst einmal verwahrte sich Thiele kurz nach dem Start seiner Rede gegen Proteste, man könne ihn nicht verstehen; er solle doch tunlichst Hochdeutsch reden. „Ick dür iii disse Plenum Plattdütsch proten, und dat dau ick ok", rief der Ostfriese. Energisch verteidigte er den Vorstoß der Regierungsfraktionen, zunächst einmal mit einer umfangreichen Anfrage Klarheit zu schaffen über die Ausgangslage und Handlungsmöglichkeiten beim Plattdeutschen. Dies sei auch so mit dem Heimatbund abgestimmt, versicherte Thiele.
Und dann ging er zum Angriff auf die „Sozis" über. Was die in ihrem Antrag an Forderungen und Vorschlägen unterbreitet hätten, sei nur <,een schlechte Kopie van dat", was man regierungsseitig schon zusammengetragen habe. „Dor is nix Nejes in, dat is einfach blot schlecht offschreven, een kolden Afklatsch van dat, wat in Moment sowieso all vörbereit word."
Das mochte Claus Peter Poppe nicht auf sich sitzen lassen. „Ick hebb lang nich mehr so veel dumm Tüch (duiijmes Zeug, die Red.) hört as vandage van CDU-Siete öwer usen Andrag", wetterte der Quakenbrücker. Der SPD gehe es allein darum, „reell wat för das Plattdütsche to daun". Aber CDU und FDP kämen da nicht in die Gänge, monierte Poppe. „ Ji daut nich naug för dat Plattdütsche und Seelterske. Ji sind so wiet achtern Fohrplon, dat jau an nächsten Bohnhoff de Zuch wegföhrt." Und dann setzte der Abgeordnete noch einen drauf: „Ji traut jau nix! Ji sind Bangbüxen (Angsthasen, die Red.)!" Das Protokoll vermerkt an dieser Stelle Heiterkeit und langen Beifall...