Öffnet in einem neuen Tab

GN: Grafschafter Plattdeutsch: Von „Bauernsprache“ zum Kulturgut

22.02.2023

von Sascha Vennemann

Vier Personen der Platt AG der Grafschaft Bentheim – zwei Männer und zwei Frauen in Alltagskleidung – stehen nebeneinander auf einem gepflasterten Gehweg vor einem Backsteingebäude und Bäumen und lächeln in die Kamera.

Der neue und der alte Vorstand des „Groafschupper Plattproater Krings“: Der bisherige Vorsitzende Albert Rötterink (rechts) und sein Stellvertreter Harm Hinderik Schoo (links) haben ihre Ehrenämter an die neue Vorsitzende Henni Boermann (2. von rechts) und ihre Stellvertreterin Henni Scholte (2. von links) abgegeben. Foto: Vennemann

„Plattproater Kring“

Wenn sie an ihre Muttersprache denken, dann sei das Plattdeutsch, sagt Henni Boermann. Die Haftenkamperin, Jahrgang 1956, kann sich noch gut an ihre Schulzeit erinnern, als noch viele Kinder in den Unterricht kamen und kein Hochdeutsch sprachen, weil in den Familien zu Hause eben nur Plattdeutsch gesprochen wurde. Das Interesse an dem traditionellen Dialekt, der in der Grafschaft vor allen in den ländlichen Kommunen noch Teil des Alltags ist, wurde ihr also in die Wiege gelegt. Wie ihr geht es vielen Mitgliedern des „Groafschupper Plattproater Krings“, der sich seit 45 Jahren um die Pflege der besonderen Sprechweise im Landkreis kümmert.

Boermann ist seit Mitte Februar die neue Vorsitzende des Vereins, der sich mit offizieller Satzung im Februar 1980 gründete, nachdem er bereits zwei Jahre zuvor von Interessierten ins Leben gerufen wurde. Unter ihnen war auch der heute 78-jähriger Albert Rötterink aus Emlichheim, der seit Gründung Teil des Vorstandes war – erst sechs Jahre stellvertretender Vorsitzender, dann 39 Jahre als Vorsitzender. Aus Altersgründen machen er und sein Stellvertreter Harm Hindrik Schoo nun Platz für ein neues Team an der Spitze des Vereins: Neben Boermann gehört dazu auch Henni Scholte aus Gölenkamp als neue stellvertretende Vorsitzende. „Mit den beiden ‚Hennis‘ wird der Vorstand um ein paar Jahre verjüngt“, sagt Rötterink und schmunzelt – wohl wissend, dass der Verein eigentlich überaltert ist: Rund 35 Mitglieder umfasst er, einige sind noch älter als Rötterink und längst aus ihrer „aktiven Phase“ heraus.

Jüngere Mitglieder gewinnen

Für den alten und neuen Vorstand ist klar: Die Altersstruktur ist problematisch, der Verein braucht neue und jüngere Mitglieder. „Sagen wir mal: Alter 45 plus“, meint Boermann mit Blick darauf, dass viele „Kring“-Mitstreiter erst in späteren Lebensjahren das Interesse an dem Dialekt komplett neu oder wiederentdecken. Die Erfahrung hat auch Schoo gemacht. Der bisherige stellvertretende Vorsitzende gibt unter anderem auch Plattdeutsch-Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene an der Volkshochschule. „Viele, die dort mitmachen, berichten davon, dass sie zwar das Plattdeutsche einigermaßen verstehen, aber nicht aktiv sprechen können.“ Oft herrsche dann Bedauern darüber, sich nicht in der Sprache mit Familienmitgliedern unterhalten zu können. „Das hat auch viel mit der früheren Ansage von Lehrern zu tun, mit den Kindern Hochdeutsch zu sprechen, um in der Schule keine Nachteile zu bekommen“, meinen die „Plattproater“, die sich monatlich in einer Veldhausener Gaststätte zum Austausch treffen.

Gemein ist allen Vereinsmitgliedern, dass sie sich aktiv für den Erhalt des Plattdeutschen in der gesamten Grafschaft einbringen wollen und sich damit – trotz Untergruppen, die auch in Trachten auftreten oder traditionelles Handwerk wie Korbflechten vermitteln – von anderen Heimat- oder Brauchtumsvereinen abheben wollen. „Heimatpflege an der Basis“, nennt das Rötterink. Das habe der „Plattproater Kring“ stets versucht und dafür viel Anerkennung erhalten. Zahlreiche Veranstaltungen wie „Plattdeutsche Abende“ mit Lesungen und Musik gehören seit den 1980er-Jahren dazu, Gottesdienste auf Platt, die Herausgabe eines viel beachteten Wörterbuchs „Hochdeutsch-Plattdeutsch“ und die Sprachförderung von Plattdeutsch in Kindergärten und Schulen, ebenfalls mit entsprechenden Arbeitsmaterialien und Büchern.

Wichtig: Niveau wahren

„Uns ist es wichtig, dabei ein gewisses Niveau zu wahren“, betont Rötterink – nicht nur in Bezug auf die Sprache, die sich auch in der Grafschaft je nach Ortschaft durch leichte Unterschiede auszeichnet, sondern auch bei den anderen Aktivitäten. „Platt“ sei eben alles andere als ein einfältiger Dialekt, sondern ein zu erhaltendes Kulturgut, das als solches inzwischen wieder mehr Anerkennung erfahre als noch zu Zeiten der Vereinsgründung vor 45 Jahren. Mit der beim Landkreis angesiedelten „Platt-AG“ befasse man sich außerdem noch eingehender mit dem Grafschafter Platt, insbesondere in seiner Schriftform und als Herausgeber von Publikationen. Aber all das lebe von der Arbeit der ehrenamtlichen Mitglieder, sagen der alte und der neue „Kring“-Vorstand.

Was kann man tun, um noch neue Mitglieder hinzugewinnen zu können? Boermann und Scholte sind schon bei der Ideenfindung: „Wir wollen mit neuen Flyern für uns werben, außerdem wollen wir bei Veranstaltungen wie dem Holschenmarkt durch persönliches Ansprechen Menschen dazu animieren, bei uns mitzumachen“, erzählt Boermann. Eine weitere Idee sei ein alternatives, traditionelles „Dautrappen“ am Himmelfahrtstag als Aktion der Brauchtumspflege: Angedacht ist eine frühmorgendliche Führung durch das Nordhorner Naturschutzgebiet Tillenberge. „Wichtig ist, dass wir es schaffen, moderne Erlebnisse und Geschichten in die Verbindung mit unserem schönen alten Plattdeutsch zu setzen“, erklärt Boermann den frischen Ansatz des neuen Vorstandes. Das bedeute viel Arbeit, das sei ihnen klar. „Aber der Ehrgeiz ist da“, versichert die frischgebackene Vorsitzende.

Logo der Grafschafter Nachrichten

Artikel aus den Grafschafter Nachrichten